St. Martin

Die Pfarrei St. Martin in Zürich-Fluntern

Geschichte 1

Vorgeschichte

Die erste bekannte schriftliche Bestätigung, dass das Christentum bis Fluntern vorgedrungen ist, finden wir im Rotolus des Grossmünsters von 820, wo es heisst:

"Der Priester Comolt gab an die Kirche den Brüdern all sein Besitztum in Flobotisreine (Fluntern) und in der Mark daselbst." Für unser Kirchlein St. Martin ist zweifellos der zweite Hinweis von besonderer Bedeutung. Am 18. Februar 1127 stiftete nämlich "der edle Herr Rudolf von Fluntern gemeinsam mit seiner Gemahlin Lieba, seiner Tochter Berchta und deren Söhnen Rudolf und Rüdiger ein Stück Waldland auf dem Zürichberg, auf dass dort ein Kloster gebaut werde." Das kleine, bescheidene Augustinerklösterlein, das daraufhin dort entstand, hatte nie den glanzvollen Namen von St. Gallen oder Einsiedeln. Die Brüder wählten den Hl. Martin zum Kirchenpatron, ein sehr altes und beliebtes Patrozinium. So gibt es z. B. in Frankreich, das sehr früh christianisiert wurde, fast 4000 St. Martinskirchen. Auch die älteste Kirche der Schweiz in Zillis ist dem Hl. Martin geweiht.

Der Psallierchor, den man bei Ausgrabungen entdeckte, verrät uns, dass das Augustinerklösterlein trotz aller Stürme im Laufe seiner Geschichte eine Stätte des Gebetes in Fluntern war. Zeugen sind aber auch die erbaulichen Bücher und Handschriften aus seinem Bestand, welche aus den Wirren der Reformation gerettet, in der Zentralbibliothek sorgfältig gehütet werden. Wie das Kloster ausgesehen haben mag, zeigt das Bild, das im Zusammenhang mit den archäologischen Ausgrabungen in den 70er Jahren entstand:

geschichte 2

Zur Baugeschichte

Rund 460 Jahre nach den Klosteraufhebungen im Kanton Zürich knüpften die Erbauer unserer St. Martinskirche an der Krähbühlstrasse an die unterbrochene Tradition des Martins-Patroziniums wieder an. In der Chronik zum Bau der St. Martinskirche heisst es:

"[...] der Katholische Kirchenbauverein Zürich [unter der Leitung von] Dr. Fritz Ehrensperger [kaufte] durch Vermittlung von Architekt Anton Higi am 27. April1933 in schönster Lage von Zürich-Fluntern einen ebenso teuren (!) wie zweckdienlichen Bauplatz [...]. Dieser [...] liegt im Herzen von Fluntern. Von allen Seiten kommt man auf guten Strassen zu ihm. Eine Haltestelle der Städt. Strassenbahn befindet sich nur eine Minute davon entfernt. Nach fleissiger Sammlung von gütigen Gaben edler Wohltäter wurde nach und nach ein Baufond [...] [eingerichtet], der im Frühjahr 1938 die Erstellung einer einfachen [...] Kirche ermöglichte. Die Baupläne schuf der Architekt und spätere Stadtrat Anton Higi. Der Krisenzeit, wie auch der ganz protestantischen Umgebung Rechnung tragend, wurde auf den Bau eines Turmes verzichtet, dafür umso mehr auf einen, gediegenen Innenausbau Wert gelegt."

Pfarrer Johannes Birkner schreibt ergänzend:

"Der sehr umsichtige und aktive Pfarrer der Liebfrauenkirche, Canonicus Ferdinand Matt, der seine theologischen Studien in Rom an der Gregoriana absolviert hatte, verbrachte acht Jahre in dem berühmten Colleglum Germanicum, dessen Gründung noch auf lgnatius von Loyola zurückreicht, und das auch heute noch von Jesuiten geleitet wird. Die Sommerferien verlebten die Studenten auf dem zum Collegium gehörenden Landgut 'Buon Pastore' in der römischen Campagna; die kleine Gutskirche, ein Oktogon im barocken Stil, prägte sich dem Pfarrherrn von Liebfauen so nachhaltig ein, dass er dem Architekten und späteren Stadtrat Anton Higi, dem er den Bau der Kirche anvertraute, nahelegte, sich doch von diesem einzigartig schönen und ausgewogenen Sakralbau inspirieren zu lassen, was denn auch geschah."

geschichte 3Wir, die Gemeinde von St. Martin, sind unseren Vätern zu Dank, ja zu Bewunderung verpflichtet, wenn wir daran denken, dass St. Martin trotz des drohenden und 1939 auch ausgebrochenen zweiten Weltkrieges gebaut wurde. Wieviel Wagemut und Gottvertrauen brauchte es zu diesem Werk. Architekt Walter Rieger, der den Bau der St. Martinskirche vom Moment an, als Architekt Anton Higi im April 1938 in den Zürcher Stadtrat gewählt wurde, bis zum Ende betreute, schrieb 1988: "Die Kirche wurde sehr solid und unfallfrei in Rekordzeit gebaut." Auch dafür sind wir dankbar. Die Baukosten der St. Martinskirche betrugen rund>

240 000.- Franken, das ist der Versicherungswert im Jahr 1939.

Der Grundstein wurde am 30. Mai 1938 vom Diözesanbischof Dr. Laurentius Matthias Vinzenz gesegnet und gelegt. Dieser Stein ist heute noch sichtbar an der rechtsseitigen Kirchenmauer am Weg zum Circolo ltaliano. In der darin eingeschlossenen Urkunde wird an den Bau des Augustinerklösterleins St. Martin erinnert. Dann wird die Baugeschichte unserer Kirche St. Martin behandelt. Die Urkunde schliesst mit folgenden Worten: "Im Jahre des Heiles 1938, den 30. Mai, unter dem Pontifikate des glorreich regierenden Papstes Pius XI., als Laurentius Matthias Vinzenz Bischof von Chur und Dr. Ferdinand Matt Pfarrer von Liebfrauen und Canonicus der altehrwürdigen Kathedrale von Chur waren, wurde mit Hilfe der Vikare von Liebfrauen der Grundstein gelegt zur neuen, dem Hl. Martin geweihten Kirche.

Den hl. Ritus der Kirche Gottes sorgfältigst beobachtend, die Hilfe des allmächtigen Gottes und die Güte der allerseligsten Gottesgebärerin inständig flehend, und auf die Fürbitte aller lieben Heiligen fest vertrauend, wurde diese Urkunde überprüft und gutgeheissen und in den Grundstein der im Fluntermergebiete neu zu errichtenden St. Martinskirche eingeschlossen und vermauert.

Laurentius Matthias, Bischof von Chur"

Am 15. Juli darauf konnte das Aufrichtetest stattfinden. Das Relief über dem Eingang zur Kirche stammt aus der Werkstatt Payer und Wipplinger in Einsiedeln. Es stellt den Hl. Martin dar, wie wir alle sein Bild kennen, als Soldat, hoch zu Ross, mit dem Schwert seinen Mantel teilend, um damit die Blässe des zu seinen Füssen frierenden Bettlers zu bedecken.

 

 

 

 

geschichte 4

Zum Inneren der St. Martinskirche

Wir betreten nun die kleine Kirche St. Martin. Es ist sehr still im dämmerigen, schönen Raum, der sanft erhellt wird vom ewigen Licht, von einer brennenden Kerze bei der Muttergottes und dem Auferstandenen auf dem grossen farbigen Glasgemälde im Chor. Schon am 1. Juni 1938 hat man den Entwurf von August Wanner für das sehr eindrückliche Oster-Glasfenster über dem Hochaltar genehmigt. Eine deutsche Haus angestellte, die als Spenderin ungenannt bleiben wollte, ist die Stifterin. Die starke Ausdruckskraft dieser Glasmalerei ist das erste Erlebnis in dieser Kirche.

Am 4. Juni 1939 hat der Diözesanbischof Dr. Laurentius Matthias Vinzenz die St. Martinskirche eingeweiht. Er konsekrierte damals den Hochaltar. In den grossen, dunklen Marmortisch, einer Stiftung der Familie Dr. Viktor von Castelberg-Orelli, wurden Reliquien der Heiligen Martin, Thomas von Aquin, Dominikus, Karl Borromäus, Alphons von Liguori, Fidelis von Sigmaringen und Katharina von Siena eingelassen.

Zum Altar gehört selbstverständlich der Tabernakel, der nach Entwürfen von Meinrad Burch gearbeitet wurde. Er ist ein Geschenk von Frau Beatrice von Orelli im Thalhof. Er befand sich ursprünglich auf dem Hochaltartisch. Beim Chorumbau in der Folge des II. Vatikanischen Konzils wurde er im Mai 1965 in das rechte Seitenschiff der Kirche verlegt. Für die Umgestaltung zeichnete Architekt Fritz Metzger verantwortlich.

In diesem Zusammenhang wurde die Kanzel durch einen Ambo ersetzt. Das Taufbecken aus dem gleichen dunklen Marmor wie der Altartisch brachte man auf der anderen Seite des Chorraumes an. Im November1964 erhielt St. Martin aus einer privaten Sammlung eine "neue" Muttergottesstatue aus Holz aus dem Jahre 1480 geschenkt.

Die erste Orgel unserer Kirche stammte aus dem Jahre 1942. Sie tat ihren Dienst 30 Jahre lang. Im Advent 1972 wurde in der St. Martinskirche eine neue "historische" Orgel, eine Metzlerorgel, eingeweiht, bei der man bewusst auf etliche Errungenschaf ten moderner Technik verzichtet hatte.

Wenn das Morgenlicht sich in den warmen Farben des Osterfensters bricht, wird nachvollziehbar, was Prof. Dr. Frauchiger von der reformierten Kirchenpflege während einer der diskussionsreichen Sitzungen in der Vorbauzeit einmal gesagt hat: "Der Katholik besucht seine Kirche mit einem anderen Gefühl als der Protestant. Er findet dort das ewige Licht, Altäre, Beichtstühle und Weihwasser. All dies muss der Protestant entbehren." Er hat wirklich recht gehabt. St. Martin ist nicht nur das "Haus Gottes", es ist auch ein Ort der Geborgenheit, eine Heimat für die Seele.

Der Text ist der Broschüre "Pfarrei St. Martin Zürich - Fluntern 1940 - 1990" entnommen, die unter der Redaktion von Frau Cécile Brändli-Probst von unserer Pfarrei 1990 herausgegeben wurde.